Berufsprofil Übersetzungslektor

 

Mit „s“ oder ohne „s“? Kleiner Buchstabe und große Illusion

Übersetzungsfehler gibt es überall, sogar in der antiken Philosophie. Klassisches Beispiel aus der Verteidigungsrede des Sokrates, von dessen Schüler Platon überliefert: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – in der verkürzten Wiedergabe des Originalzitats heute zum geflügelten Wort geworden. Eigentlich eine recht seltsame Behauptung für einen so großen Denker wie Sokrates. Hielt er sich für unwissend? Das nicht. Denn mit „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ – ohne „s“ – hinterfragte er vielmehr das menschliche Wissen an sich. Ist alles nur eine Illusion?

Offensichtlich gab es damals noch keine Übersetzungslektoren. Denn wenn die beim Lektorieren eines übersetzten Manuskriptes logische Lücken, merkwürdige Kausalitäten oder marode Metaphern entdecken, genügt ein Blick in den Originaltext, um den Fehler zu entlarven.

Sie wissen auch, wann eine sprachspezifische Eigenheit – wie der inflationäre Gebrauch von Wiederholungen im Englischen –  in der Zielsprache stört. In solchen Fällen ist es besser, im Sinne der Lesbarkeit umzuformulieren, als sklavisch dicht am Original zu bleiben.

Um solche Entscheidungen treffen zu können, müssen Übersetzungslektoren nicht nur die Quellsprache beherrschen und alle Feinheiten der Zielsprache kennen, sondern auch das Wesen des Übersetzens verstehen.