Die Qual der Wahl

15. Juni 2010

Rechtschreibung und Korrekturlesen könnten so einfach sein: Man orientiert sich an den amtlichen Regeln und entscheidet mit ihrer Hilfe eindeutig über richtige und falsche Schreibweisen. Die Realität ist, wie so oft im Leben, viel komplizierter. Das liegt unter anderem an der deutschen Grammatik, die reich an Ausnahmen ist, und an einer Rechtschreibung, die nur begrenzt den Gesetzen der Logik folgt.

Ursprünglich war ein Ziel der Rechtschreibreform, die Rechtschreibung und Zeichensetzung systematischer zu gestalten und vor allem die Zahl der Ausnahmen zu verringern. Ein Beispiel: Vor der Reform gab es für das Komma bei Infinitivgruppen nur 2 Grundregeln – dazu aber sage und schreibe 11 Ausnahmen. Jetzt gibt es 3 Bedingungen, unter denen vor erweiterten Infinitiven ein Komma gesetzt werden muss.

Da über ein so langweiliges Thema wie Rechtschreibung (sie ist lediglich ein Hilfsmittel!) erstaunlich leidenschaftlich gestritten wird, wurden leider viele Reformen wieder rückgängig gemacht, die auf Vereinheitlichung und damit auf Vereinfachung zielten.

Die Folge ist, dass nun in vielen Fällen mehrere Schreibweisen möglich sind. Dieser Kompromiss wirkt auf den ersten Blick beruhigend; aber wie geht man in der Praxis mit der Wahlfreiheit um?

Textprofis wissen, dass ein guter Text aus einem Guss sein sollte. Dazu gehört selbstverständlich auch eine einheitliche Rechtschreibung. Ein Delphin direkt neben einem Geografen würde so seltsam wirken wie Potential neben potenziell. Alle Schreibweisen sind richtig – und passen doch nicht zusammen. Nach welchen Kriterien entscheidet man also im Einzelfall?

Wer hauptsächlich den Rechtschreibduden als Nachschlagewerk nutzt, kann sich an die gelb markierten Empfehlungen halten. Sie sind besonders nützlich bei Zusammensetzungen mit Partizipien, bei denen in sehr vielen Fällen sowohl Getrennt- als auch Zusammenschreibung möglich sind. So zieht der Rechtschreibduden zum Beispiel dünn besiedelt in zwei Wörtern vor, hochgelobt in einem.

Eine andere Entscheidungshilfe ist die Wortliste mit den Agenturschreibweisen. Die Nachrichtenagenturen geben mit dieser Liste Empfehlungen für die Schreibung von ca. 1.500 Wörtern, wobei sie nach eigenen Angaben überwiegend die vor der Reform gültigen Schreibweisen vorziehen.

Ist Rechtschreibung also doch ein Albtraum (Dudenempfehlung) – oder ein Alptraum (Agenturschreibweise)?

Wer es gern systematisch mag, kann sich bei der Wahl zwischen zwei erlaubten Schreibweisen auch an der Grammatik orientieren. Sehr einfach zu merken ist zum Beispiel die Regel, dass zwei Verben grundsätzlich getrennt geschrieben werden. Das gilt für spazieren gehen ebenso wie für kennen lernen und sitzen bleiben, dann braucht man sich die Ausnahmen kennenlernen und sitzenbleiben nicht zu merken.

Und natürlich spielt auch immer eine Rolle, wer für welche Zielgruppe schreibt. Wenn Sie zum Beispiel einen Brief an Ihre Oma schreiben, werden Sie vielleicht lieber beim großen Du bleiben; wenn sich allerdings ein Grundschüler darauf beruft, dass er in der Klassenarbeit nach alter Rechtschreibung schreibt, dann ist garantiert etwas faul.

Protext-Tipp der Woche von Ines Balcik

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Das Gleiche ist nicht immer dasselbe

5. Mai 2010

»Otto fährt dasselbe Auto wie sein Chef und parkt es in der gleichen Garage.«

Öha, wenn diese Aussage stimmt, dann hat der Chef nun kein Auto mehr, weil Otto es ihm offensichtlich geklaut hat. Denn der-, die- oder dasselbe besagen, dass etwas identisch ist und nur ein einziges Mal existiert.

Wahrscheinlicher also ist, dass Otto das gleiche Auto wie sein Chef fährt, nämlich die gleiche Automarke. Umgekehrt steht zu vermuten, dass er dieses Gefährt aber nicht in der gleichen, sondern in derselben Garage parkt, also in ein und demselben Parkgebäude.

Und warum werden der-, die-, dasselbe und dem-, des-, denselben immer zusammen, das Gleiche oder das gleiche XY immer getrennt geschrieben? Das liegt daran, dass das Wörtchen »selbe« nicht für sich allein existiert, es ist immer an einen Artikel gebunden (aber: im selben Moment, am selben Ort). Das Wörtchen »gleich« dagegen ist ein Adjektiv und kann substantiviert werden.

Merke: Man kann nicht im gleichen Jahr wie jemand anders geboren sein, sondern nur im selben Jahr. Und auch, wenn sich zwei noch so lieb haben, benutzen sie in der Regel nur die gleiche Zahnbürste, aber niemals dieselbe.

Protext-Tipp der Woche von Elke Hesse.

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Die Inflation der Anführungszeichen

31. März 2010

Der Autofahrer fuhr bei „Rot“ über die Ampel und gebärdete sich „wie ein wilder Cowboy“, bevor er „Muffensausen“ bekam.

Meine regionale Tageszeitung liebt es, so zu schreiben. Aber nicht nur sie: Viele Menschen setzen Anführungszeichen entweder zu selten – zum Beispiel bei Zitaten, wo sie im Regelfall Pflicht sind – oder aber deutlich zu häufig. Metaphern, Vergleiche und etwas mit dem bedrohlichen Namen „Pars pro Toto“ (klingt nur kompliziert, ist es aber nicht) gehören nicht in Anführungszeichen. Aus diesen Zutaten entsteht übertragene Sprache, die Texte oft erst lebendig macht. Anführungszeichen aber schaffen eine Distanz des Schreibers zu den Worten, die sie einschließen. Bei Zitaten ist das auch gut so, schließlich muss der Autor hier deutlich machen, dass er nicht Urheber des Zitierten ist. Sind sie aber unnötig, bremsen sie den Lesefluss – und machen das Geschriebene merkwürdig steif.

Warum ist Der Autofahrer fuhr bei Rot über die Ampel und gebärdete sich wie ein wilder Cowboy, bevor er Muffensausen bekam ganz ohne Anführungszeichen korrekt?

  • Fangen wir mit dem Kompliziertesten an: bei Rot ist ein Pars pro Toto. Aus dem Lateinischen übersetzt heißt das „ein Teil für alles“. Die Farbe (Teil der Ampel) repräsentiert das Gesamtkonzept „Leuchtet bei der Signalanlage die rote Lampe, müssen Verkehrsteilnehmer stehenbleiben“ – in dieser Ausführlichkeit braucht das aber in keinem Zeitungsartikel zu stehen. Geht es um Verkehr und Rot, erkennt der Leser das Konzept wieder und begreift das Gemeinte. Ein Pars pro Toto steht nicht in Anführungszeichen. Es ist ein übliches Instrument unserer Sprache.
  • Das Nächste ist leicht: wie ein wilder Cowboy ist ein Vergleich. Und zwar kein qualitativ schlechterer, besserer oder irgendwie anderer als „Anna ist so klug wie Klaus“. Anführungszeichen notwendig? Keine Spur!
  • Muffensausen: eine Metapher. Kennen wir von Gedichten und blumigen Texten. Sie macht das „Kamel“ zum „Wüstenschiff“. Behandelt wird sie nicht anders der Vergleich.

Knifflige Zusatzfrage: Warum stehen die gefetteten Begriffe in Anführungszeichen, obwohl sie keine Zitate sind? Weil mit ihrer Hilfe über Sprache gesprochen wird, nicht über Dinge, die sie benennen.

  • Der bedrohliche Name „Pars pro Toto“: Hier ist nicht das Pars pro Toto selbst, sondern sein Name gemeint.
  • Sie macht das „Kamel“ zum „Wüstenschiff“: Es geht nicht um Kamele und Schiffe, sondern um die beiden Wörter, die sie bezeichnen.

Diese Fälle werden behandelt wie Zitate. Aber bitte: Davon nicht verwirren lassen – stattdessen: Nur Mut zu übertragener Sprache! Ganz ohne unnötige Distanz.

Protext-Tipp der Woche von Julia Dombrowski www.textsektor.de

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Reportagen und solche, die sich dafür halten. Sprachtipps von der Journalistin, Teil 4

24. März 2010

Ist diese Frau verrückt? Umringt von Feiernden, schließt sie die Augen und schnuppert. Öffnet die Augen wieder, steuert die Dekoration an und befingert künstliche Blüten. Stellt sich etwas abseits und mustert die Gäste. Macht sich Notizen. Um kurz danach auf ein Grüppchen zuzusteuern und Fragen zu stellen.

Nein, diese Frau ist nicht gaga, sondern eine Journalistin auf der Jagd – sie jagt Sinneseindrücke, Zitate und Anekdoten, denn sie will eine Reportage über eine Jetset-Party schreiben.

Nun steht über vielen Texten „Reportage“, die eigentlich Berichte sind und für deren Inhalt die Verfasser keinen Schritt gegangen sind. Googeln, Telefoninterviews und Angelesenes schön und gut, aber warum muss das Ergebnis dann „Reportage“ heißen? Wer Latein hatte, weiß, dass der Begriff von „reportare“ abstammt – und das heißt „übertragen“ oder „zurückbringen“. Ein Reporter kann nur das überbringen, was er selbst abgeholt hat.

Wer eine gute Reportage schreiben will, sollte sich den Anlass genau überlegen; vorher, während der Vor-Ort-Recherche und womöglich nachher fleißig Namen, Historisches, Sinneseindrücke und Zitate sammeln – und bereit sein, neun Zehntel dieser Fakten dann doch nicht zu verwenden. Reportagen kosten Zeit, sollten nicht zu kurz sein und zielen in erster Linie auf den Bauch, erst danach auf den Kopf der Leser. Ziehen ins Geschehen hinein und sind darum oft im Präsens geschrieben. Hier darf es menscheln, im Idealfall lacht oder weint die Leserschaft mit den Protagonisten.

Die Journalistin von oben freut sich übrigens gerade über die Laufmasche im Strumpf eines affektierten Filmsternchens, hat herausgefunden, wer hier heimlich raucht und dass die Dekoration billigste Discounter-Ware ist. Nun hat sie hat den roten Faden für ihren Artikel: „Jetset-Mitglieder sind auch nur Menschen.“ Ihre Reportage wird gelingen.

Protext-Tipp der Woche von Petra Plaum

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Von der Nachricht zum Bericht. Sprachtipps von der Journalistin, Teil 3

18. März 2010

Ich will eine Nachricht bzw. Meldung schreiben. Also kurz, knackig, objektiv und aktuell berichten, deshalb kläre ich die wichtigsten W-Fragen gleich im ersten Satz: „Die freie Journalistin Petra Plaum (Wer?) schrieb am 18. März um 10 Uhr (Wann?) in ihrem Büro in Donauwörth (Wo?) die ersten Zeilen für ihren Sprachtipp (Was?)“. Formal in Ordnung. Nur leider völlig uninteressant. Was tun?

Vielleicht lässt sich die Meldung ja zu einem Bericht umwandeln? Walter von La Roche schreibt, der Bericht sei „ein Zwillingsbruder der Nachricht, aber größer geraten und auch schon ein wenig reifer“ (Einführung in den praktischen Journalismus, 12. Auflage 1991, S. 131). In einem Bericht ist laut La Roche Platz für „Zusammenhänge, Vorgeschichte und andere wichtige Aspekte“, z. B. für längere Zitate oder für Antworten auf weitere W-Fragen: Warum? Wie genau? Was ist noch passiert? Wer diente als Quelle? Das Allerwichtigste gehört in den ersten Abschnitt, den sogenannten Lead.

Praktisch: Während die Nachricht nur wenige Zeilen füllt, darf ein Bericht gern eine halbe Seite lang sein. Und: Berichten kann man über fast alles, über Streit im Verein, Fußballturniere vor Ort oder Schulfeste. Bleibt die Frage: Wen interessiert’s? Im Falle des Vereinsberichts: alle Mitglieder und die der Nachbarvereine. Im Falle der freien Journalistin: vermutlich niemanden.

Es sei denn, der Bericht bietet Überraschendes: Nach „Petra Plaum schrieb heute in ihrem Donauwörther Büro die ersten Zeilen für ihren Sprachtipp, …“ muss es spannend weitergehen. Mit Prominenz zum Beispiel („… als sie erfuhr, dass George W. Bush sie besuchen wird“), mit Konflikt oder Kampf („… als vor ihrer Haustüre ein Bürgerkrieg begann“) oder mit Kuriosität („… als sie zu wachsen begann und drei Meter groß wurde“). Dann doch lieber Nachricht schreiben als Nachricht sein!

Protext-Tipp der Woche von Petra Plaum

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Was ist meine Zielgruppe? Journalistinnen-Tipps, Teil 2

10. März 2010

Wer Texte für die Medien schreibt, muss die jeweilige Zielgruppe genau kennen – denn in einem Punkt sind sich Redaktionen von Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender überraschend einig: Geschrieben und produziert wird nicht für irgendjemanden. Sondern für „Erna, 60, Volksschulbildung, katholisch, häuslich, die sich mit unserer Musik in ihre Jugend zurück träumt“ (O-Ton Chefredakteur eines Lokalradiosenders). Oder für „einkommensstarke, konsumorientierte und krisenresistente Haushalte“ (aus den aktuellen Mediadaten der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung).

Am schnellsten erhalten Sie Informationen zur Zielgruppe im Gespräch mit Redakteuren, die für ein Medium arbeiten. Wenn Sie einen treffen – bei einer Recherche, einem Fachtag, auf einer Messe oder Fortbildung –, spielen Sie am besten Detektiv. Aussagekräftig sind bei vielen Publikationen auch die Mediadaten. Sie finden sie auf den Internetseiten der Zeitung oder Zeitschrift oder können sie in der Anzeigenabteilung telefonisch anfordern. Zudem empfehle ich Ihnen, das anvisierte Medium häufig zu lesen. Themen und Stil der Texte, die Art der Anzeigen zeigen ganz genau: Diese Leserin ist uns wichtig, jene eher nicht.

Fazit: Um einen Text an eine Zeitung oder Zeitschrift verkaufen zu können, müssen Sie nicht zur Zielgruppe gehören – sich aber in sie einfühlen können. Das am besten auch politisch – denn es gibt weitaus mehr Redaktionen, die sich überparteilich nennen, als solche, die es tatsächlich auch sind.

Protext-Tipp der Woche von Petra Plaum

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Was ist eigentlich eine Nachricht? Journalistinnen-Tipps, Teil 1

1. März 2010

„When a dog bites a man, that is not news. When a man bites a dog, that is news”. Diese beiden Sätzen lernen angehende Journalistinnen und Journalisten gleich zu Beginn ihrer Ausbildung – und mit ihnen beginnt auch eine kleine Serie von Protext-Tipps aus dem Journalistinnen-Nähkästchen. Lassen Sie sich von der guten, alten Tageszeitung und ihren Machern inspirieren! Und strafen Sie ab sofort Oscar Wildes berühmten Spruch Lügen: „Der Unterschied zwischen Literatur und Journalismus besteht darin, dass der Journalismus unlesbar ist und Literatur nicht gelesen wird.“

Zurück zur „Man bites Dog“-Formel: Ein erfolgreicher Journalist hat sie geprägt. Er beschrieb damit vor mehr als hundert Jahren bildhaft, wonach Redakteure suchen – immer nach dem Besonderen. Nur das, was den Leser oder die Leserin packt, schockiert, aufrüttelt oder zum Lachen bringt, bekommt einen Platz in den Medien – so einfach ist das.

Die Nachricht hinter der Nachricht heißt in diesem Falle: Bis heute ist nicht bekannt, von wem die „Man bites Dog“-Formel stammt. John B. Bogart von der „New York Sun“ soll 1880 die beiden Sätze geäußert haben, aber auch „Sun“-Herausgeber Charles Anderson Dana steht unter Verdacht, ihr Urheber zu sein. Als wäre dies nicht genug, ordnen Experten dieses Zitat zudem Alfred Harmsworth zu, der Anfang des 20. Jahrhunderts in England als Zeitungsmagnat Karriere machte. Wer war es also wirklich? Wer das herausfindet, hat sozusagen den Hund gebissen und kann sich des Nachrichtenwerts dieser Information sicher sein. Alle anderen müssen sich auf die Suche nach neuen Schlagzeilen machen.

Protext-Tipp der Woche von Petra Plaum

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Von unscheinbaren Unterschieden

17. Februar 2010

Anscheinend – und nicht nur scheinbar! – haben viele Menschen ein großes Problem, genau diese beiden Worte in ihrer Bedeutung zu unterscheiden. Deshalb gibt es im Protext-Tipp der Woche dazu eine Eselsbrücke:

Denken wir uns einen Klassenraum. Wir schauen hinein – er ist leer. Kein Schüler und kein Lehrer weit und breit. Dann sagen wir: „Der Klassenraum ist anscheinend leer.“ Wobei man „anscheinend“ auch durch „offenbar“ ersetzen könnte.

Wir gehen zu einem anderen Klassenraum. Alle Schüler haben sich unter den Tischen versteckt und der Lehrer steht im Klassenschrank. Hier haben wir endlich einen Grund, das allseits beliebte Wort „scheinbar“ zu verwenden: „Der Klassenraum ist scheinbar leer.“ Scheinbar deshalb, weil es bloß so aussieht – es scheint so, als sei der Raum leer, obwohl alle Schüler und auch der Lehrer dort sind.

In der Alltagssprache wird „scheinbar“ mit wachsender Begeisterung immer dann verwendet, wenn eigentlich „anscheinend“ richtig wäre. Dabei wird nur ganz selten so getan, als ob – in den meisten Fällen sind Situationen wirklich so, wie sie sich darstellen. Denn ein Mann mit Gipsschiene hat nicht nur scheinbar ein gebrochenes Bein, sondern tatsächlich – es sei denn, er wäre Schauspieler und benötigte die Schiene für seine Rolle.

Allerdings kann man der Alltagssprache zugute halten, dass diese Unterscheidung zwischen den beiden Worten noch relativ jung ist: Sie wurden erst im 18. Jahrhundert gegeneinander abgegrenzt. Da kann man schon verstehen, dass die Alltagssprache anscheinend noch ein bisschen hinterherhinkt.

Protext-Tipp der Woche von Petra A. Bauer

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Nichtssagend: sagen

26. Januar 2010

Zitate machen Texte lebendig. Im Idealfall besitzen sie eine persönliche Note und charakterisieren den Sprechenden – ganz wie beim O-Ton im Fernsehen. Was jedoch beim gedruckten Interview fehlt, sind Stimme und Bild. Der Leser kann den Tonfall des Sprechenden nicht hören. Und keine Kamera fängt Mimik und Gestik ein, die zusätzlichen Interpretationsspielraum liefern.

Doch gut gewählte Begleitverben setzen hier interessante Akzente. Immer nur „…, sagt Herr Meier“ bleibt unscharf. Unsere Sprache besitzt einen riesigen Fundus an Begleitverben, die ein differenzierteres Bild von der sprechenden Person zeichnen. Wie Mikrofon und Kamera liefern diese Verben zugleich anschauliche Informationen zur Sprechsituation. Lassen Sie Ihre Interviewpartner doch einfach mal resümieren, klagen, erklären, erläutern, widersprechen, kontern, einwenden, einräumen, feststellen, kommentieren, bestätigen, bekräftigen, finden, verraten oder behaupten.

Darf es ein bisschen emotionaler sein, können die Zitierten auch jubeln, jammern, schwadronieren, predigen, schwören, beteuern, bekennen, gestehen, schimpfen – oder einfach nur schwärmen.

Protext-Tipp der Woche von Conny Frühauf

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Bleiben Sie flexibel – Sprache ist es auch!

19. Januar 2010

„Ich kann schreiben. Früher hatte ich immer Einsen im Diktat!“ – vergessen Sie’s. Wie schnell die Regeln von heute Schnee von gestern sein können, sehen Sie bereits an meinem letzten hier veröffentlichten Sprachtipp. Auch der neueste (bzw. neuste) Duden bestätigt wieder: Seit der Rechtschreibreform ist das Bauchgefühl aller nicht mehr ganz jungen Lese- und Schreibfreunde oft unzuverlässig.

Für alle anderen etwas älteren Hasen des Schreibens gilt: Auf den Teigwaren mag zwar „Spaghetti“ draufstehen – viele Zweitklässler lernen jedoch, „Spagetti“ zu schreiben. Erlaubt ist beides. Beschreiben Sie etwas Aktuelles, heißt es jetzt „zurzeit“; möchten Sie auf die alte Schreibweise „zur Zeit“ nicht verzichten, können Sie diese aber immer noch nutzen – wenn Sie Vergangenes beschreiben: „Zur Zeit des Kanzlers Kohl schrieb man das aber noch anders.“

Vielleicht ist es ganz gut, wenn wir unser Sprachbewusstsein ständig infrage (bzw. in Frage) stellen; die Duden-Redaktion tut das ja auch. Bleiben wir also beweglich. Schlagen wir nicht (verbal) zu, wenn etwas falsch geschrieben erscheint – schlagen wir lieber einmal mehr nach, ob unser Bauchgefühl recht (bzw. Recht) hat. Das gilt nicht nur für die Orthographie (bzw. Orthografie) aller Arten von Text, sondern auch für den Inhalt.

Protext-Tipp der Woche von Petra Plaum

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