Protext-Umfrage: Leidet die Zeitung unter Fehlern?

10. November 2009

Nicht nur Lektoren bemerken sie, die sprachlichen Fehler in Tageszeitungen. Dabei galt das Profimedium Zeitung lange Zeit als verlässlicher Wegweiser im Orthografiedschungel: „Guck mal, die schreiben das in der Zeitung auch so!? In Zeiten schnelldrehender Nachrichten und Sparmaßnahmen in Sachen Schlusskorrektur bleibt die sprachliche Richtigkeit jedoch immer mal wieder auf der Strecke.

Sind Flüchtigkeitsfehler ein Kavaliersdelikt? Leidet wegen Orthografieschwäche die Glaubwürdigkeit von Nachrichten? Wie wirken sprachliche Aus- und Durchrutscher auf den Leser bzw. Kunden? Die Protextbewegung ist diesen Fragen in einer (nicht-repräsentativen) Online-Umfrage zur sprachlichen Qualität der Tageszeitungen in Deutschland nachgegangen. In einem Zeitraum von zwei Monaten beantworteten 569 Teilnehmer unsere Fragen.

85 Prozent der befragten Zeitungsleser gaben an, dass sie die Qualität ihrer Zeitung unter anderem nach der Qualität von Sprache und Stil beurteilten, grammatikalische Korrektheit kam als Qualitätskriterium auf etwas über 60 Prozent.

Bei der Frage, wie häufig Fehler in der Zeitung entdeckt würden, gaben jeweils ein Drittel der Befragten an, ab und zu sowohl schlechten Schreibstil als auch Fehler in Rechtschreibung oder Grammatik als auch Tippfehler bzw. falsche Trennstriche zu bemerken. Bei allen drei Kriterien gaben insgesamt 70 Prozent der Leser an, Fehler ab und zu, häufig oder sehr häufig zu entdecken.

Fehler ärgern die Leser

Auf unsere Frage: „Wie wichtig ist Ihnen korrekte Sprache in der Zeitung?“ antworteten weit über die Hälfte der Befragten mit „sehr wichtig“. Entsprechend groß ist die Verärgerung der Leser über die gefundenen Fehler. Auch außerhalb von Text- und Medienberufen gaben über 80 Prozent der Befragten an, dass die Aussage: „Über sprachliche Fehler in der Zeitung ärgere ich mich“ zuträfen oder nur teilweise zuträfen.

Der Ärger über mangelnde sprachliche Qualität wirkt sich nicht zuletzt auf die Glaubwürdigkeit der Zeitungen aus. Der Aussage: „Wenn in einer Zeitung viele sprachliche Fehler auftreten, dann zweifele ich auch an deren Glaubwürdigkeit“ stimmten 47,8 Prozent zu und 42,9 Prozent teilweise zu. Das heißt: Über 90 Prozent der Teilnehmer unserer Umfrage machen die Glaubwürdigkeit der Zeitung zumindest teilweise von der Sprache abhängig!

Protext-Korrektoren prüfen große Tageszeitungen

Zudem hat die Protextbewegung genauer untersucht, wie die Qualität der Tageszeitungen tatsächlich aussieht. Die auflagenstärkste Tageszeitung aus jedem Bundesland wurde von jeweils zwei Textprofis genauer unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse dieser Korrektorats-Aktion werden demnächst hier veröffentlicht.

Die ausführliche Auswertung der Umfrage zur Qualität der Tageszeitungen können Sie hier als Pdf herunterladen.

Kommentare

7 Kommentare zu “Protext-Umfrage: Leidet die Zeitung unter Fehlern?”
  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    zufällig stieß ich auf Ihre HP. Ihr Anliegen, den nachlässigen Umgang mit unserer Rechtschreibung einzuschränken, ist wichtig. Die Zeitungen werden in vielen Fällen ihrer erzieherischen Funktion auf diesem Gebiet nicht mehr gerecht.
    Wenn ich mich dazu äußerte, bekam ich ganz einfach keine Antwort. Nun hoffe ich, Sie können mehr bewirken.

    Gegenwärtig stört mich in Rundfunk- und Fernsehsendungen die inflationäre Verwendung der Mehrstufe der Adjektive ohne Bezugsgrößen.

    Vielleicht werden Sie Ihr Podium dazu nutzen, auf diesen Missstand zu verweisen.

    Mit freundlichem Gruß

    M. Polenzky

  2. ppc sagt:

    >Die ausführliche Auswertung (…) als Pdf downloaden.

    Da wird mir doch gleich übel. Microsoft hat’s sanktioniert, und nun schreibt alle Welt “downloaden” statt schlicht und ergreifend “herunterladen”. Auch überflüssiges, unverständliches Mode-Denglish ist störend beim Lesen.

  3. Frieda sagt:

    Meiner Meinung nach gibt es seit 1996 überhaupt keine Rechtschreibung mehr. Solange Floskeln wie “im allgemeinen” groß geschrieben werden, obwohl nicht “in dem Allgemeinen” gemeint ist, sondern schlicht “allgemein” (ebenso: “im übrigen/wesentlichen/…”), wird grammatikalische Volksverdummung praktiziert. Außerdem wurden Bedeutungsunterschiede (greulich – gräulich) zunichtegemacht und so weiter. Wieviele dumme Menschen schreiben heute “sie hat Recht”, wenn sie das Adverb “sie hat recht” meinen? Wie viele lassen etwas “beim Alten” (Siegfried Lowitz) oder fürs Erste (die ARD). Was ist “seit Langem” (Herbert Langem, 1901-1996) bekannt?

    Bevor über Kleinigkeiten gestritten wird, sollte zunächst überhaupt eine Rechtschreibung (re-)etabliert werden:

    - Ohne tausende Varianten
    - Ohne auf individuelle Eitelkeiten irgendwelcher Germanistikprofessoren Rücksicht zu nehmen
    - Ohne die Schulbuchmafia.
    - Ohne hirnrissige Großschreiberitis
    - Ohne Komma-Massenmord aus niederen Beweggründen
    - Ohne bescheuerte Trennungen wie “Kons-truktion” (was ist eine “Truktion”?)

    - Mit hilfreichen (!) Kommaregeln, die das Lesen (!!) unterstützen und nicht nur durch eine “Komma scheißegal”-Mentalität Fehler virtuell verhindern.
    - Mit grammatikalisch korrekten und sinnvollen Schreibweisen
    - Mit Regeln, die fürs Lesen gedacht sind und nicht nur fürs Schreiben für Dumme.

    Ein guter Schritt auf diesem Weg wäre ein Blick auf die Seiten der “Schweizer Orthografischen Konferenz” (SOK) bei “www.sok.ch/”.

  4. Elke sagt:

    Stimmt, ppc hat recht. Wir ändern :-)

Trackbacks

Was andere Blogs dazu sagen...
  1. [...] Jetzt liegt das Umfrageergebnis vor und es bestätigt, dass die sprachliche Form als Zeichen für Qualität und Glaubwürdigkeit nicht unterschätzt werden sollte: Auch außerhalb von Text- und Medienberufen gaben über 80 Prozent der Befragten an, dass die Aussage: „Über sprachliche Fehler in der Zeitung ärgere ich mich“ zuträfen oder nur teilweise zuträfen. [...]

  2. [...] Im Mai gab es hier einen kurzen Beitrag zu einer Umfrage der Protextbewegung: Wir wollten wissen, wie es um die Qualität der Zeitungen steht, was Rechtschreibung, Grammatik usw. betrifft, aber auch, ob Fehler die Leser tatsächlich stören. Nun sind die Ergebnisse da, auf der Protextseite gibt es eine erste Auswertung und eine Pdf zum Herunterladen (Link). [...]

  3. [...] als auch Zeitungsleser sind nicht taub und blind gegenüber Sprachschlampereien, wie die Umfrage der Protextbewegung soeben erst belegt [...]



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