
Was ist eine Übersetzung wert? Welcher Preis ist angemessen? Darüber
diskutieren Übersetzer untereinander oft ebenso angeregt wie mit Auftraggebern.
Ich bin in dieser Frage ganz ehrlich. Als mich neulich ein Kunde nach Erhalt meines Angebots entrüstet anrief und mir mitteilte, dass ich die „bei Weitem teuerste“ Anbieterin sei, widersprach ich nicht – im Gegenteil. Ich erklärte ihm, dass mein Team und ich zwar hochpreisige, aber eben auch hochwertige Übersetzungen anbieten. Und dass ich es verstehe, wenn er sich lieber an andere Kollegen wenden möchte. Er zögerte kurz. Die Qualität sei ihm aber schon auch sehr wichtig, sagte er dann. „Nun, Sie haben die Wahl“, erwiderte ich. „Ich stehe Ihnen gerne zur Verfügung, aber Sie können sich natürlich auch nach einem günstigeren Angebot umschauen – der Markt ist ja groß.“ „Aber Sie sind wirklich viel teurer als die anderen ...“ – „Ich stehe zu unseren Preisen, dafür garantiere ich Ihnen erstklassige Texte.“
Ein überzeugendes Argument: Wir haben den Auftrag bekommen, der Kunde war äußerst zufrieden und glücklich und hat ohne zu murren pünktlich gezahlt – da sich gezeigt hat, dass die „teure“ Übersetzung ihren Preis voll und ganz wert war.
Kunden, die eine Übersetzung benötigen, haben oft keine Vergleichsmöglichkeiten und wissen vielleicht auch nicht, wie sie eine gute von einer schlechten Übersetzung unterscheiden können und warum sie nicht den günstigsten Anbieter wählen sollen, wenn er ihnen den Text doch genauso schnell übersetzt wie der viel teurere.
Um einschätzen zu können, was die Übersetzung eines Textes kostet, muss der Übersetzer den Text zunächst
sehen. Allein die Angabe der Zeilen- oder Zeichenzahl nützt wenig, noch weniger die Angabe einer Seitenzahl. 3 DIN-A4-Seiten können ganz unterschiedlich viele Zeilen haben, je nachdem, wie eng man sie beschreibt. Auch der Schwierigkeitsgrad eines Textes lässt sich erst abschätzen, wenn man ihn vor Augen hatte und sich mit ihm beschäftigen konnte.
Wie viel die Übertragung des Textes in eine andere Sprache dann tatsächlich kostet, hängt u. a. von der Art des Textes und der Fachrichtung ab, von der Sprachkombination, vom Zeitdruck und vom Kunden. Hierzulande rechnen die Übersetzer nach Zeilen oder bei literarischen Übersetzungen auch nach Seiten ab — oder aber sie haben Stundenpreise (z. B. bei
Werbeadaptionen wie der Adaption von Headlines, die in den meisten Fällen nicht „einfach“ übersetzt, sondern in der Zielsprache neu getextet werden müssen).
Aus Sicht einer Übersetzerin gibt es unterschiedliche Arten von Kunden: diejenigen, die wissen, dass sie einwandfreie und gut übersetzte Texte benötigen, die die Tonalität und die Botschaft des Ursprungstextes auch in der Zielsprache wiedergeben und denen man nicht anmerkt, dass sie Übersetzungen sind. Diese Kunden wissen für gewöhnlich, dass die Übersetzungen ihren Preis wert sind und welche Wirkung gute Texte haben. Sie können es sich
nicht leisten, schlechte Texte zu veröffentlichen, und
leisten sich gute Übersetzungen, weil es sich für sie auszahlt.
Dann gibt es Kunden, die ebenfalls gerne qualitativ hochwertige Übersetzungen hätten, aber denken, dass sie die — vor allem, wenn es sich um eine „gängige“ Sprache wie Englisch handelt — ja eigentlich fast selbst übersetzen könnten, z. B. weil sie ja ein Jahr in den USA gelebt haben, die den Text also eigentlich nur aus Zeitgründen herausgeben und hoffen, ihn nun gegen ein kleines Entgelt übersetzt zu bekommen. Manchmal kann man diesen Kunden klarmachen, dass selbst zweisprachig aufgewachsene Menschen
nicht per se gute Übersetzer sind. Dass zu der perfekten Beherrschung der Sprachen neben einer sehr guten Allgemein- und einer fundierten Ausbildung sehr, sehr viel Übung und Fingerspitzengefühl gehört, vermengt mit einer guten Portion Wissen über die hinter den jeweiligen Sprachen stehenden Kulturen und gegebenenfalls natürlich auch mit einem entsprechenden Fach- und Hintergrundwissen.
Doch es gibt auch Kunden, die das nicht verstehen und für die die Kosten im Vordergrund stehen. Diese Kunden sind Argumenten, die die Qualität der Übersetzung betreffen, nicht zugänglich. Sie werden sich nach einem anderen Anbieter umschauen.
So gibt es also letztlich für jeden Kunden die richtigen Übersetzer, denn auf dem Markt lassen sich Übersetzungen in allen Preisklassen finden:
hochwertige, preiswerte – und billige. Und es gibt für die Übersetzerinnen und Übersetzer auch die richtigen Kundinnen und Kunden:
Profiübersetzerinnen und -übersetzer werden Auftragsangebote ablehnen, die ihre
Preisforderungen unterschreiten, denn sie können es sich
nicht leisten, ihre Arbeitszeit für zu wenig Geld zu verkaufen und dann eventuell lukrativere Aufträge absagen zu müssen.
(Foto oben: © Andreas Morlok/pixelio.de)
Antje Ritter

Falls das Thema Sie interessiert, habe ich hier noch einen schönen Buchtipp für Sie: "
Quasi dasselbe mit anderen Worten. Über das Übersetzen" von Umberto Eco.
(Foto: Amazon)
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