Barrierefreies Design

9. Juni 2009

MikadohuerdenOb Glastüren, Fliesen oder Bordsteinkanten – Barrierefreiheit im Alltag macht Sinn. Wer unsere aktuelle Protext-Tipps-Reihe verfolgt, wird schnell feststellen:

Was unsere Glossenautorin hier über schönes, funktionales Design schreibt, gilt auch für Text. „Schönes Design mögen sie alle.“ Verständliche Texte auch.
(Foto: Ernst Rose, pixelio.de)

Anti-Aging-pro-Vitality-Mania

Sonntägliche Kuchenzeit. Mein 65-jähriger Onkel erzählt, er wolle das Haus renovieren. Ein respektvolles Räuspern meines Freundes, und dann seine Frage, ob das denn eigentlich noch Sinn mache, in „deinem Alter“. Eisiges Schweigen.

Dann schiebt mein Freund hinterher: „Na ja, aber besser jetzt, als wenn man es nicht mehr kann.“ Noch mehr Schweigen.

Kurz darauf entbrennt die Diskussion. Man sei noch nicht alt, man schaffe die Treppen noch, und was es überhaupt heißen solle, „die Wohnung fürs Alter fit machen“, „barrierefrei“ – er wolle einfach nur neues Parkett verlegen, die Terrasse ausbauen und den Partykeller streichen.

Ich versuche es schulmeisterlich nachsichtig: „Barrierefrei heißt: Bauen im Sinne eines Universal Designs.“ Onkels Augen werden fußballgroß. „Was für ein Design?“ „Design für alle.“ „Hm!“

Mein Onkel weiß es gern genau. Er holt seinen Laptop und googelt. Universal Design. Er landet bei Universal Design Award. Unter Auszeichnungen steht der Apple iPod. „Was hat ein iPod mit Renovieren fürs Alter zu tun?“ Ich erkläre, es gehe um Bedienbarkeit, Funktionalität und Zugänglichkeit für alle, insbesondere, wenn man nicht mehr so fit sei.

„Unser Haus soll gar nicht für alle zugänglich sein“, konsterniert er. Ich versuche ein Beispiel: „Was ist, wenn Du nicht mehr in die Badewanne kommst, wenn die Beine schwer werden?“ „Dann dusche ich.“ „Aber wenn Du nicht mehr in die Dusche kommst?“ „Dann höre ich auf, mich zu waschen.“

Ab hier ist kein Weiterkommen. „Universal Design, pah, ein Behindertenbad wollt ihr mir andrehen.“ Demonstrativ legt er die Stones ein und schmollt. Für seine Generation, die während der Studentenrevolte und der sexuellen Revolution durch die Pille, Mick Jagger und Woodstock jung war, für diese Generation müssen beigeweiße Badewannensitze und Treppenlifter eine grausige Vorstellung sein. Eine Vorstufe zur Hölle, eine späte Abstrafung Gottes für eine einst ausschweifende Jugend.

Design ist sexy. Eine Behinderung, Gebrechlichkeit oder Alter gelten dagegen als unsexy, als wahre Liebestöter. In der Anti-Aging-pro-Vitality-Mania unserer Gesellschaft bleibt kein Platz für vermeintlich Unperfektes. Glatt-edle Designerträume gleichen einem japanischen Manga: Die großäugigen Hübschen sind die Guten und Starken, der Rest ist entweder armseliges Opfer oder das Böse.

Um barrierefreiem Design diese Stigmatisierung zu nehmen, verkauft man Altes unter neuem Namen. Es wechseln die Begriffe, die Erklärungen, die Vorschriften, die Zahlen und die Meinungen, manch einer mag sich dabei schon ganz senil fühlen. Der eigentliche Kern ist, trotz aller Verzückung über perfekte Designformen und brillierende Materialien den klaren Menschverstand zu behalten.

Kein Kurzsichtiger mag Glastüren, ebenso wenig wie der Hektische, egal welchen Alters. Kein Greis mag rutschige Fliesen, ebenso wenig wie der Barfüßige, egal welcher körperlichen Konstitution. Kein Rollstuhlfahrer mag enge Toilettenräume, ebenso wenig wie die Mutter mit Kind.

Schönes Design mögen sie alle, und sie lieben Funktionales. Mein Onkel jedenfalls, dann doch überzeugt vom Universal Design, bestellte sich kurz darauf einen iPod.

Rosa Grewe

Hier geht’s weiter zur aktuellen PTB-Serie mit wissenswerten Infos und praktikablen und Tipps  für eine schönere und besser zugängliche Web-Welt: Barrierefrei texten fürs Web

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