Von unscheinbaren Unterschieden
17. Februar 2010
Anscheinend – und nicht nur scheinbar! – haben viele Menschen ein großes Problem, genau diese beiden Worte in ihrer Bedeutung zu unterscheiden. Deshalb gibt es im Protext-Tipp der Woche dazu eine Eselsbrücke:
Denken wir uns einen Klassenraum. Wir schauen hinein – er ist leer. Kein Schüler und kein Lehrer weit und breit. Dann sagen wir: „Der Klassenraum ist anscheinend leer.“ Wobei man „anscheinend“ auch durch „offenbar“ ersetzen könnte.
Wir gehen zu einem anderen Klassenraum. Alle Schüler haben sich unter den Tischen versteckt und der Lehrer steht im Klassenschrank. Hier haben wir endlich einen Grund, das allseits beliebte Wort „scheinbar“ zu verwenden: „Der Klassenraum ist scheinbar leer.“ Scheinbar deshalb, weil es bloß so aussieht – es scheint so, als sei der Raum leer, obwohl alle Schüler und auch der Lehrer dort sind.
In der Alltagssprache wird „scheinbar“ mit wachsender Begeisterung immer dann verwendet, wenn eigentlich „anscheinend“ richtig wäre. Dabei wird nur ganz selten so getan, als ob – in den meisten Fällen sind Situationen wirklich so, wie sie sich darstellen. Denn ein Mann mit Gipsschiene hat nicht nur scheinbar ein gebrochenes Bein, sondern tatsächlich – es sei denn, er wäre Schauspieler und benötigte die Schiene für seine Rolle.
Allerdings kann man der Alltagssprache zugute halten, dass diese Unterscheidung zwischen den beiden Worten noch relativ jung ist: Sie wurden erst im 18. Jahrhundert gegeneinander abgegrenzt. Da kann man schon verstehen, dass die Alltagssprache anscheinend noch ein bisschen hinterherhinkt.
Protext-Tipp der Woche von Petra A. Bauer
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Was für ein schöner Protext-Tipp! Über den scheinbar kleinen Unterschied habe ich anscheinend noch nicht nachgedacht …
Der Tipp geht ja wohl nach hinten los. Ein anscheinend leerer Raum erscheint ebenso leer, wie der scheinbar leere Raum. Er ist dem Anschein nach eben leer. Und so offensichtlich leer der scheinbar leere Raum auch ist, so wenig ist er es tatsächlich, denn offenbar ist nicht alles so, wie es scheint – insofern ist die Abgrenzung von scheinbar und anscheind nur konstruiert. Darum schert sich offenbar auch niemand drum – und das zu Recht!