Nichtssagend: sagen
26. Januar 2010
Zitate machen Texte lebendig. Im Idealfall besitzen sie eine persönliche Note und charakterisieren den Sprechenden – ganz wie beim O-Ton im Fernsehen. Was jedoch beim gedruckten Interview fehlt, sind Stimme und Bild. Der Leser kann den Tonfall des Sprechenden nicht hören. Und keine Kamera fängt Mimik und Gestik ein, die zusätzlichen Interpretationsspielraum liefern.
Doch gut gewählte Begleitverben setzen hier interessante Akzente. Immer nur „…, sagt Herr Meier“ bleibt unscharf. Unsere Sprache besitzt einen riesigen Fundus an Begleitverben, die ein differenzierteres Bild von der sprechenden Person zeichnen. Wie Mikrofon und Kamera liefern diese Verben zugleich anschauliche Informationen zur Sprechsituation. Lassen Sie Ihre Interviewpartner doch einfach mal resümieren, klagen, erklären, erläutern, widersprechen, kontern, einwenden, einräumen, feststellen, kommentieren, bestätigen, bekräftigen, finden, verraten oder behaupten.
Darf es ein bisschen emotionaler sein, können die Zitierten auch jubeln, jammern, schwadronieren, predigen, schwören, beteuern, bekennen, gestehen, schimpfen – oder einfach nur schwärmen.
Protext-Tipp der Woche von Conny Frühauf
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Stimmt :-) Schöner Post.
Aber als Autorin und Schreibcoach würde ich hinzufügen, dass man nur aufpassen muss, dass diese Umschreibungen von “sagen” nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ein “sagte xx” überliest der Leser häufig einfach und merkt sich nur den Namen der Person. Es fällt hingegen sehr auf, wenn der Autor recht bemüht in jedem Satz ein anderes Verb statt “sagen” verwendet. Die Verben sind nicht wichtig, aber werden plötzlich in den Fokus gerückt. Einige von den Beispielen oben werten auch (z.B. “schwadronieren”) – das ist z.B. im Journalismus nicht ungefährlich. Und in einem Roman finde ich es nicht so schön: da soll der Autor doch lieber das Schwadronieren in der wörtlichen Rede und die Beschreibung der Manierismen des Sprechers zeigen.
Die Kür, finde ich, ist es, die sprechende Person durch eine Aktion bekanntzugeben. Aber das geschickt zu lösen ist auch nicht ganz einfach, damit man als Leser nicht die Augen rollt und murrt: “Die rührt doch jetzt nur schon wieder ihren Kaffee um, damit ich weiß, wer die drei Sätze wörtliche Rede gesagt hat!”
;-)
“Das ist völliger Blödsinn”, findet die Schreiberin dieser Zeilen. “Allerdings”, räumt die 45jährige ein, “bin ich keine Journalistin.”
Gezielt eingesetzt sind solche den Dialog begleitende Verben natürlich sinnvoll, aber (mittelmäßige) journalistische Texte sind damit in der Regel völlig überladen. In einem guten Text fallen sie, wie meine Vorkommentatorin richtig bemerkt, gar nicht auf. In unzähligen Berichten trägt aber förmlich jedes Verb ein Schild um den Hals: “Ich wurde um der Vermeidung von Wortwiederholungen willen gewählt.”
Generell wirken in journalistische Berichte eingewobene Schnipsel direkter Rede auf mich sehr häufig verkrampft, erreichen bei mir als Leserin also genau das Gegenteil dessen, was offenbar angestrebt wird – nämlich eine Auflockerung und Belebung.
Noch schlimmer sind Sprachverbiegungen wie: “Wir haben das Problem vollständig im Griff”, gibt sich der Bürgermeister zuversichtlich.
Eine absolut gängige journalistische Formulierung, ich weiß. Für mich dennoch nur einen winzigen Schritt von den Stilblüten entfernt, wie man sie in den Dialogen belletristischer Hobbyautörinnen und -toren immer wieder findet, etwa so:
“Du, hör mal”, rührt Max seinen Kaffee um, “Frau Frühauf schreibt, dass Zitate den Text lebendig machen!”
:-)
“Die Krux”, resümiert die Schreiberin dieser Zeilen, “scheint mir darin zu liegen: Wer mit diesem Schreibtipp umgehen kann, braucht ihn nicht – und wer ihn braucht, wird ihn vermutlich dazu nutzen, um schlechte Texte zu verschlimmbessern.”
Die Kritik an diesem Post kann ich nicht recht nachvollziehen.
Es geht ja nicht darum, das Wörtchen “sagen” zu vermeiden, sondern Informationen zu liefern, die sonst fehlen. Ohnehin sind Zitate ja immer aus dem Zusammenhang gerissen. Dass Ihnen zusätzlich Mimik, Betonung und Eigenheiten des Redenden fehlen, vergrößert das Dilemma.
Die Lösung (und der gesamte “Tipp der Woche”) ist so banal wie richtig.
Wie gut man den Ratschlag umsetzt, hängt selbstverständlich von den Fähigkeiten des Autoren ab – klar, wovon denn sonst?
Poltert
Marc